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Ganzjahresreifen: für wen sie sich lohnen und für wen nicht

Ein Satz für zwölf Monate spart Wechsel und Lagerung. Ab einer bestimmten Fahrleistung wird er trotzdem teurer als zwei Sätze. Hier die Rechnung und die Grenzen.

Annika Berger, Dipl.-Ing., Kfz-Sachverständige. Stand 29.10.2026.

Ganzjahresreifen mit Alpine-Symbol an der Flanke und feinen Lamellen im Profil vor weißem Hintergrund

Zwei Fahrer, derselbe Reifentyp, zwei verschiedene Bilanzen. Eine Lehrerin aus Stuttgart-West fährt 6 000 Kilometer im Jahr, meist zur Schule und zum Wochenendeinkauf, seit vier Jahren auf Ganzjahresreifen. Als ich im Herbst 2025 nachmaß, hatten die Reifen noch 4,1 mm. Ein Handelsvertreter aus Reutlingen fährt 31 000 Kilometer im Jahr, ebenfalls auf Ganzjahresreifen, und hatte nach elf Monaten und gut 28 000 Kilometern noch 3,3 mm. Beide haben das Richtige gekauft. Aber nur bei einem von beiden rechnet es sich.

Der Ganzjahresreifen ist der beliebteste Kompromiss im Reifenhandel, und er wird oft aus den falschen Gründen gekauft: weil man das Wechseln leid ist, nicht weil man die eigene Fahrleistung kennt. Hier steht, wann er sich lohnt, wo er an Grenzen stößt und welche vier Modelle 2026 ernsthaft infrage kommen. Wie ein Reifen aufgebaut ist und was seine Kennzeichnung bedeutet, steht bei Reifen.

Was ein Ganzjahresreifen ist und was er rechtlich darf

Ein Ganzjahresreifen ist ein Kompromiss: weicher als ein Sommerreifen, härter als ein Winterreifen, mit mehr Lamellen als der eine und weniger als der andere. Trägt er das Alpine-Symbol, gilt er in Deutschland rechtlich als Winterreifen und erfüllt § 2 Abs. 3a StVO. Trägt er nur M+S, ist er seit dem 1. Oktober 2024 keiner mehr.

Das Symbol ist die Mindestlatte, nicht die Höhe. Es belegt, dass der Reifen einen genormten Schneetest besteht, und mehr nicht. In den Vergleichstests der Automobilclubs fallen immer wieder Modelle auf, die das Symbol tragen und auf Schnee und Eis trotzdem kaum Halt finden. Die Unterschiede zwischen guten und schwachen Ganzjahresreifen sind groß, und das macht die Modellwahl zur eigentlichen Entscheidung. Alles Weitere zur Rechtslage, zum Bußgeld und zur Versicherung steht bei den Winterreifen.

Für wen sich Ganzjahresreifen lohnen

Die Automobilclubs sehen Ganzjahresreifen vor allem bei geringer Jahresfahrleistung, überwiegend Stadtverkehr und gemäßigtem Klima. Ich unterschreibe das mit einer Ergänzung: Die Region zählt mehr als der Wohnort. Wer in Stuttgart im Kessel wohnt, aber jeden Winter zweimal auf die Alb oder in den Schwarzwald fährt, hat die falsche Region gewählt. Wer dagegen zwischen Innenstadt, Supermarkt und Kita pendelt und bei Schneefall das Auto stehen lässt, fährt mit einem guten Ganzjahresreifen gut.

Mit zwei Sätzen sind Sie besser bedient, wenn einer dieser Punkte auf Sie zutrifft:

  • Sie fahren regelmäßig ins Mittelgebirge oder in die Alpen, auch kurzfristig und im Winter.
  • Ihre Jahresfahrleistung liegt über 20 000 Kilometern.
  • Ihr Auto ist schwer oder stark motorisiert, etwa ein SUV oder ein Elektroauto mit über zwei Tonnen.
  • Sie fahren im Sommer viel Autobahn bei hohem Tempo und Hitze.

Die Schwelle von gut 20 000 Kilometern ist keine Faustregel aus der Luft. Sie ergibt sich aus der Rechnung weiter unten, und sie rutscht auf gut 11 000 Kilometer, wenn Sie die Räder selbst wechseln.

Die Grenzen: Hitze, Schnee, Verschleiß

Ein Ganzjahresreifen muss im Januar auf Schneematsch greifen und im August bei 35 °C nicht schmieren. Das gelingt nur mit Abstrichen. Bei Hitze bremst er in der Regel länger als ein guter Sommerreifen, weil die Mischung weicher und die Blöcke beweglicher sind. Im Winter bleibt er bei Eis und tiefem Schnee hinter einem echten Winterreifen zurück, und in den Tests der Automobilclubs sind das keine Randnotizen, sondern die Stellen, an denen sich Modelle trennen.

Der dritte Punkt ist der Verschleiß. Ein Ganzjahresreifen läuft das ganze Jahr, im Sommer auf heißem Asphalt mit einer Mischung, die dafür nicht gebaut ist. Die Folge ist ein höherer Abrieb, besonders in den warmen Monaten. Bei der Laufleistung rechne ich deshalb vorsichtiger als bei einem Sommerreifen, in der Rechnung weiter unten mit 30 000 Kilometern. Gute Modelle schaffen deutlich mehr, schwache deutlich weniger.

Im ersten Winter war ich begeistert. Nach anderthalb Jahren und gut 36 000 Kilometern maß die Werkstatt noch 2 mm. Ich fahre jetzt wieder zwei Sätze.
Leser aus Böblingen, Pendler mit 24 000 km im Jahr

Kosten über vier Jahre: Ganzjahresreifen gegen zwei Sätze

Ganzjahresreifen sparen Radwechsel und einen zweiten Felgensatz, verschleißen aber schneller. Bei 6 000 km im Jahr sind sie nach meiner Rechnung rund 340 Euro günstiger als zwei Sätze, bei 12 000 km gut 220 Euro. Bei 25 000 km sind zwei Sätze etwa 40 Euro günstiger, die Rechnung ist dort praktisch ausgeglichen.

JahresfahrleistungZwei Sätze (Sommer und Winter)GanzjahresreifenDifferenz
6 000 km (24 000 km in 4 Jahren)676 €336 €Ganzjahr 340 € günstiger
12 000 km (48 000 km)892 €672 €Ganzjahr 220 € günstiger
25 000 km (100 000 km)1 360 €1 400 €Zwei Sätze 40 € günstiger

Die Annahmen der Redaktion, damit Sie nachrechnen können: Reifen 205/55 R16 im Qualitätssegment, Sommer 90 Euro, Winter 100 Euro, Ganzjahr 105 Euro je Reifen. Als Laufleistung setze ich 45 000 km für Sommer-, 40 000 km für Winter- und 30 000 km für Ganzjahresreifen an. Gerechnet wird der verbrauchte Anteil des Satzes, nicht der Kaufpreis. Bei zwei Sätzen kommen acht Radwechsel zu je 30 Euro (240 Euro) und ein zweiter Felgensatz aus Stahl für 220 Euro dazu, zusammen 460 Euro Fixkosten. Einlagerung in der Werkstatt ist nicht eingerechnet. Aktuelle Preise nach Größe und Segment stehen bei den Reifenpreisen 2026.

Damit Sie die Rechnung mit Ihrer Größe wiederholen können, hier die Richtwerte für 2026 in 205/55 R16, Markenhandel, je Reifen und für einen Satz:

SegmentPreis je ReifenSatz (4 Reifen)
Budget60–80 €240–320 €
Qualität90–115 €360–460 €
Premium120–155 €480–620 €

Die Schwelle ist keine Sensation, nur Arithmetik. Pro Kilometer kostet der Verschleiß beim Ganzjahresreifen 1,4 Cent, bei zwei Sätzen zusammen 0,9 Cent. Der Unterschied von 0,5 Cent je Kilometer muss erst die 460 Euro Fixkosten einholen, und das passiert bei rund 92 000 Kilometern, also bei etwa 23 000 Kilometern im Jahr. Die Laufleistungen sind Annahmen und keine Messwerte. Ändern Sie sie, ändert sich die Schwelle.

Sechs Fragen vor dem Kauf

Bevor Sie einen Satz bestellen, beantworten Sie die folgenden Fragen ehrlich. Die Gegenüberstellung aller drei Bauarten, mit Temperaturfenstern und Kosten, steht in der Übersicht nach Jahreszeit.

  1. Wie viele Kilometer fahre ich im Jahr, und wie viele davon im Winter?
  2. Wohin führen die Winterfahrten: Stadt und Flachland oder Berg und Landstraße?
  3. Wie schwer und wie stark ist mein Auto?
  4. Besitze ich schon einen zweiten Felgensatz?
  5. Wechsle ich die Räder selbst oder lasse ich wechseln?
  6. Welches Modell besteht in den jüngsten Vergleichstests auch bei Schnee und Laufleistung?

Wenn Sie bei den ersten fünf Fragen zwei oder mehr Antworten in Richtung „viel, Berg, schwer, schon da, selbst“ geben, sprechen die Zahlen für zwei Sätze. Die sechste Frage klärt dann, ob der Ganzjahresreifen, den Sie trotzdem wollen, ein guter ist.

Der günstigste Zeitpunkt für den Umstieg ist der, an dem ein Satz ohnehin fällig wird. Wer Winterreifen mit 7 mm in den Keller legt und dafür Ganzjahresreifen kauft, verschenkt Profil. Fahren Sie die vorhandenen Sätze lieber ab und steigen Sie beim nächsten Kauf um.

Vier Modelle im Überblick

Zu den Modellen gibt es eigene Steckbriefe. Hier die Einordnung in je zwei bis drei Sätzen, ohne Testzahlen, weil sich Ranglisten von Jahr zu Jahr ändern.

Michelin CrossClimate 3

Michelin hat den Nachfolger des CrossClimate 2 im Mai 2025 vorgestellt, mit Alpine-Symbol und einer Sport-Variante für stärkere Fahrzeuge. Er gehört zum Premiumsegment, und sein Vorgänger war lange eine feste Größe in den Vergleichstests. Wer ihn in Betracht zieht, findet die Details im Steckbrief zum Michelin CrossClimate 3.

Continental AllSeasonContact 2

Continental ordne ich als die ausgewogene Wahl ein. In den jüngsten Vergleichstests der Automobilclubs gehört der Continental AllSeasonContact 2 zur Spitzengruppe. Kritisch beurteilt wurde zuletzt vor allem die Laufleistung, und die hat Gewicht, wenn man viel fährt.

Goodyear Vector 4Seasons Gen-3

Goodyear bietet den Vector 4Seasons Gen-3 seit 2020 an und hat die Palette seither auf mehr als 180 Größen von 14 bis 22 Zoll erweitert. Wer einen Kleinwagen auf 14 Zoll oder einen SUV auf 22 Zoll fährt, findet hier am ehesten die passende Größe.

Vredestein Quatrac Pro+

Der Vredestein Quatrac Pro+ der niederländischen Marke richtet sich an SUV und leistungsstarke Fahrzeuge. Die Größen beginnen überwiegend bei 17 Zoll. Für den Kleinwagen ist er keine Option, für die Mittelklasse mit Anspruch schon.

Pflege: Profil und Achsen

Auch beim Ganzjahresreifen gilt die Empfehlung des ADAC von mindestens 4 mm Profil für Winter- und Ganzjahresreifen, gesetzlich sind es 1,6 mm. Weil der Satz auch im Sommer läuft, erreichen Sie die 4 mm je nach Fahrleistung nach zwei bis vier Jahren. Messen Sie deshalb zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, und rechnen Sie mit der Prognose bei Profiltiefe die Restlaufzeit hoch.

Bei Fronttrieblern nutzen sich die Vorderreifen schneller ab. Wer rechtzeitig vorn und hinten tauscht, bei Laufrichtungsreifen nur auf derselben Fahrzeugseite, holt mehr aus dem Satz.

Häufige Fragen

Sind Ganzjahresreifen Winterreifen im Sinne des Gesetzes?

Ja, wenn sie das Alpine-Symbol tragen. Dann erfüllen sie die Anforderung aus § 36 Abs. 4 StVZO und sind bei Glätte zulässig. Ganzjahresreifen, die nur M+S tragen, gelten seit dem 1. Oktober 2024 nicht mehr als Winterreifen.

Wie lange hält ein Satz Ganzjahresreifen?

Das hängt stark vom Modell ab. Ich rechne mit etwa 30 000 Kilometern und halte das für vorsichtig. Gute Modelle schaffen mehr, in den Tests der Automobilclubs streut die Prognose bei Ganzjahresreifen um ein Vielfaches. Unabhängig von der Strecke empfiehlt der ADAC den Austausch nach acht bis zehn Jahren.

Darf ich Ganzjahresreifen mit Sommer- oder Winterreifen mischen?

Besser nicht. Mindestens auf einer Achse müssen die Reifen gleich sein, am besten fahren Sie vier gleiche. Unterschiedliche Bauarten haben unterschiedliche Haftung, und das Auto reagiert in Grenzsituationen auf der Achse mit dem schwächeren Reifen zuerst.

Lohnt sich der Umstieg von zwei Sätzen auf Ganzjahresreifen?

Wenn Sie weniger als etwa 20 000 Kilometer im Jahr fahren und die Räder wechseln lassen, ja, die Tabelle oben zeigt es. Fahren Sie mehr, wohnen Sie im Mittelgebirge oder tauschen Sie die Räder selbst, bleiben Sie bei zwei Sätzen.